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Labor: Events 2014/15

Widerstand und Amnesie – Zur Formierung gesellschaftlicher Erinnerung

Bisan Abu-Eisheh, Annalisa Cannito, Raja'a Khalid, Emma Wolukau-Wanambwa
Ausstellung kuratiert von Andrei Siclodi
Ausstellungseröffnung: Fr 17. 10. 2014, 19.00
Dauer der Ausstellung: 22. 10. – 18. 12. 2014


Das Internationale Fellowship-Programm für Kunst und Theorie stellt im Jahr 2014/15 Arbeitsvorhaben in den Mittelpunkt, die sich mit Fragen gesellschaftlicher Erinnerung beschäftigen, deren Formierung im globalen Norden maßgeblich von postkolonialen Amnesien geprägt wird. Palästinensische Identitätsfragen im Kontext gesellschaftlicher Normen, der politischen Sprache, der Lebensumstände und Ideologien in den 1980er Jahren und heute, die Aktualität der Verbindungen zwischen der kolonialen und faschistischen Vergangenheit Italiens für das heutige Europa, das Streben nach "körperlichem Komfort" als ein Paradigma des Modernismus und des Fortschritts im Zusammenhang historischer wie gegenwärtiger Ausformungen des "Ost-West-Dialogs" sowie "mnemonische Technologien" des Westens der Kolonialära in Afrika eingeführt wurden und utopische Projekte der Ansiedlung europäischer Kolonien auf dem "leeren Land" Afrikas sind die thematischen Schwerpunkte, von denen die Projekte der StipendiatInnen Bisan ABU-EISHEH, Annalisa CANNITO, Raja'a KHALID und Emma WOLUKAU-WANAMBWA handeln. Die Fellows wurden aus rund 160 Einreichungen nach einem zweistufigen Bewerbungsverfahren von einer Jury, bestehend aus Jochen Becker (Leiter des Programms Art & Architecture am Royal Institute of Art in Stockholm, Mitglied des Fachbeirats im Künstlerhaus Büchsenhausen), Ana Hoffner (Künstler_in, Teilnehmer_in am postgradualen Programm PhD in Practice, Akademie der bildenden Künste in Wien) und Andrei Siclodi (Kurator, Leiter des Künstlerhauses Büchsenhausen) eingeladen, an ihren jeweiligen Vorhaben im Künstlerhaus Büchsenhausen zu arbeiten.

Die KünstlerInnen geben in der Ausstellung Widerstand und Amnesie – Zur Formierung gesellschaftlicher Erinnerung Einblick in ihre aktuelle Arbeit und gewähren einen Ausblick auf das jeweilige Vorhaben in den kommenden Monaten im Künstlerhaus Büchsenhausen. Die in der Ausstellung präsentierten Arbeiten zeigen amnestische Momente im öffentlichen Gedächtnis Europas auf und versuchen, einen Überwindungsprozess einzuleiten.


Ausstellungsdetails:

Widerstand und Amnesie – Zur Formierung gesellschaftlicher Erinnerung
kuratiert von Andrei Siclodi

Eröffnung (im Rahmen der Start up Lectures 2014/15): Fr 17. 10. 2014, 19.00 Uhr
Ausstellungsdauer: 22.10. – 18.12.2014

Öffnungszeiten:
Mi u Do 14.00 – 18.00
(sowie nach Vereinbarung)

zusätzliche Öffnungszeiten im Rahmen der Premierentage 2014:
Do 06.11. 19.00 - 22.00 Uhr
Fr 07.11. 11.00 - 22.00 Uhr
Sa 08.11. 11.00 - 17.00 Uhr
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Ausstellungsansicht Widerstand und Amnesie, 2014. alle Fotos: Daniel Jarosch

Annalisa Cannito wird in Büchsenhausen ihre künstlerischen Investigationen zur Aktualität des Verhältnisses zwischen Faschismus und Kolonialismus in Italien und Europa fortsetzen. Dabei geht es nicht zuletzt darum, den Gründen diesbezüglichen Schweigens in öffentlichen Diskursen in Italien nachzuspüren und diese sichtbar zu machen. Zu diesem Zweck wird Cannito unter anderem mit MigrantInnen der ersten und zweiten Generation aus Libyen, Somalia, Eritrea und Äthiopien zusammenarbeiten.

In der Ausstellung zeigt Cannito unter dem Titel In the Belly of Fascism and Colonialism eine installative Anordnung, die den bisherigen Stand ihrer aktivistischen Recherchen veranschaulicht. Hier können BesucherInnen auch die von der Künstlerin gestaltete Website mit dem Rechechekonzept und den gesammelten Materialien (Interviews und Texten) auf einem Terminal aufgerufen werden.
http://www.nelventredelfascismo.noblogs.org
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Annalisa Cannito: In the Belly of Fascism and Colonialism

Raja'a Khalid interessiert sich in ihrer gegenwärtigen Studiopraxis für gesellschaftliche Hierarchien des Raums, für historische wie gegenwärtige Ausformungen des "Ost-West-Dialogs", materielle Kultur und Konsumerismus, Formen künstlerischer Interventionen in Archiven und zuletzt auch für Erscheinungsformen und Rhetoriken sozialer Systeme. Ihr Vorhaben mit dem Arbeitstitel "Die Politiken des Komforts" wird sich in Büchsenhausen auf das Streben nach "körperlichem Komfort" als ein Paradigma des Modernismus und des Fortschritts konzentrieren. Dabei wird es nicht zuletzt um eine transnationale Investigation gehen, ob und wie gegenwärtige Auffassungen von "Komfort" auf imperiale Ursprünge und auf diplomatische Beziehungen zwischen unterschiedlichen Gesellschaften über Jahrhunderte hinweg zurückgeführt werden können.

In der Ausstellung zeigt Khalid unter dem Titel Turkish Corner eine dreiteilige fotografische Arbeit, die die Bestandteile einer rein imaginären und daher simplistischen Interpretation dessen, was eine „türkische Ecke“ US-amerikanischer Prägung sein soll, dekonstuiert. Bestandteil der Arbeit ist auch eine Textabbildung aus einem Buch, das das Phänomen des orientalischen Salons beschreibt. Die Assemblage wird als einen Knotenpunkt verstanden, der notwendige Bestandteile zur Generierung des Anderen als imaginierten Ort zusammenhält – eines anderen Orts, der im Laufe der Geschichte als exotisches Versatzstück für ein Leben kosmopolitischer Abenteuer, für eine Zeit des „Fortschritts“ und der „Entdeckungen“ herhalten musste.
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Raja'a Khalid: Turkish Corner

Bisan Abu-Eisheh beschäftigt sich in Büchsenhausen mit Identitätsfragen an Hand des Privatarchivs seines Vaters, einem Schauspieler, der zu Beginn der 1980er Jahre auf Grund seiner palästinensischen Herkunft in israelische Gefangenschaft geriet. Das mehr als dreißig Jahre alte Archivmaterial dokumentiert den Briefwechsel des Vaters mit Personen außerhalb des Gefängnisses während der Inhaftierung, beinhaltet aber auch Bilder und Schriften, die dieser nach der Freilassung mit anderen (ehemaligen) Gefängnisinsassen tauschte. Der Künstler richtet das Augenmerk in der Auseinandersetzung mit diesem Material nicht nur auf die Entfaltung einer Privatgeschichte sondern auf die gesellschaftlichen Normen, die politische Sprache, die Lebensumstände und die Ideologien dieser Menschen, die allesamt im Zusammenhang mit dem Wunsch nach Freiheit in einer Gesellschaft unter Besatzung betrachtet werden.

In der Ausstellung ist die Zweikanal-Videoinstallation Love Speech zu sehen. Die Videos werden Rücken an Rücken auf Monitoren gezeigt. Im vorderen Video ist eine männliche Person zu sehen, der an einem Vortragspult auf Arabisch spricht und durch Intonation und Gestik den Eindruck einer politischen Rede vermittelt. Auf der Rückseite ist ein leerer Saal mit aufgestellten Stühlen zu sehen – eine nicht anwesende Audienz für die Rede auf dem vorderen Video. Hier sind auch englische Untertitel der Rede zu lesen. Das, was ohne Verständnis der Sprache als eine politische Rede erscheint entpuppt sich als eine Liebesbekundung an eine Frau. Tatsächlich ist der Mann auf dem vorderen Video der Vater des Künstlers, der vor etwa 30 Jahren einen seiner Briefe aus der Gefangenschaft an seine Frau rezitiert. Mit Love Speech beabsichtigt Abu-Eisheh eine Dekonstruktion der politischen Rede.
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Bisan Abu-Eisheh: Love Speech

Emma Wolukau-Wanambwa arbeitet seit 2011 an Recherchen zum Erbe des britischen Kolonialismus in Ostafrika. Insbesondere interessiert sie sich in diesem Zusammenhang für „mnemonische Technologien“, die während der Kolonialära in der Region eingeführt wurden (das sind Museen, Bücher, Staatsarchive), sowie für utopische Projekte der Ansiedlung europäischer Kolonien auf dem „leeren Land“ Afrikas: der „Freiland-Kolonie“ des Österreichers Theodor Hertzka und des Briten Alfred Wallace (1890) sowie der 1903 auf Vorschlag von Großbritannien angedachten Gründung des Staats Israel am Ufer von Lake Victoria. Diese Recherchen wird Emma Wolukau-Wanambwa in Büchsenhausen fortsetzen und an einer Fiktion über eine wahre Geschichte des zweiten Weltkriegs von 7.000 PolInnen und UkrainerInnen arbeiten. Diese wurden 1941 aus dem sibirischen Gulag über Teheran und die Indische Kolonie in das damalige Protektorat Uganda deportiert, wo sie ohne Kontakt zur dortigen Bevölkerung bis 1952 lebten.

In der Ausstellung zeigt Wolukau-Wanambwa die Installation Nice Time. Sie versammelt archivarische Zeugnisse, die im Zuge der seit 2011 stattfindenden Recherchen der Künstlerin in der Sammlung von Fotografien aus Gefängnissen des ehemaligen britischen Protektorats Uganda, die sich im Besitz des britischen Nationalarchivs befinden, zusammengetragen und künstlerisch aufgearbeitet wurden. Die Installation zeigt keine Fotos aus dem Archiv, da diese nach Meinung der Künstlerin nicht den zentralen Untersuchungsgegenstand darstellten: „Vielmehr sind sie ein Symptom in einer Reihe von Handlungen und Ereignissen, die weiterhin einen wesentlichen Einfluss auf die 'Artikulierbarkeit' der kolonialen Vergangenheit Großbritanniens ausüben.“ (Wolukau-Wanambwa) Im Mittelpunkt stehen bis vor kurzem geheim gehaltene Akte der britischen Kolonialmacht, die Einblick in die Vorgänge im Zuge der Niederschlagung der antikolonialen Aufstände im heutigen Kenia (1952–1960) ermöglichen. Die Künstlerin stellt diese Akte und ihre Dechiffrierungsversuche aus. Darüber hinaus zeigt sie die offizielle Dokumentation der Abschiedsausstellung, die im Jahr 1962 von der britischen Kolonialregierung des Protektorats Uganda organisiert wurde, um den 100. Jahrestag der “Entdeckung” der Quelle des Nils in Jinja durch den britischen Entdecker John Speke zu feiern – ein Ereignis, das, so der damalige Ausstellungstext, den Anfang der “engen Freundschaft” zwischen Großbritannien und Uganda markieren sollte.
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Emma Wolukau-Wanambwa: Nice Time

Zusätzlich zu den vier künstlerischen Beiträgen sind in der Ausstellung die Videodokumentationen der einführenden Vorträge und Präsentationen der Fellows im Rahmen der Start Up Lectures vom 17. Oktober 2014 zu sehen.

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Weblinks:
http://www.premierentage.at/