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Labor: Events 2003 - 2006

Video Walhalla Tirol

Ein Projekt von Atelier van Lieshout
Mai 2002 - März 2003
Werkstattgespräch am Samstag, 08.03.2003, 11 Uhr

ein Projekt von Atelier van Lieshout in Zusammenarbeit mit KunststudentInnen der Universität Linz

Joep van Lieshout
Peter Fattinger

und
Markus Gansberger
Nic_Olé Knauer
Clemens Mock
Tina Reisinger
Verena Resch
Milena Rieser
Horst Scheiböck
Bettina Steinmaurer
Florian Schramm
Simon Wilhelm

Das Projekt fand im Rahmen einer Gastprofessur Joep van Lieshouts am Institut für bildende Kunst und Kulturwissenschaften der Kunstuniversität Linz, Bereich experimentelle visuelle Gestaltung, im Wintersemester 2002/2003 statt.

Projektbetreuung an der Kunstuniversität Linz:
Hubert Lobnig


Video Walhalla Tirol von Atelier van Lieshout in Zusammenarbeit mit Studentinnen der Kunstuniversität Linz ist die erste Produktion von büchsenhausen.labor. Es ist ein multifunktionales environment, das Kunst, Design, Architektur und audio-visuelle Medien verbindet – ein neuer Produktions- und Reflexionsraum, der auf die bestehenden Strukturen aufbaut und einem immer stärker werdenden Bedürfnis nach offenen Kommunikationsdispositiven und Produktionstools Rechnung trägt. Der Titel „Video Walhalla Tirol“ verweist – nicht ohne Ironie - auf den Initialen Mißstand hin, dessen Beseitigung die Aufgabestellung des Projekts vom Anfang an bestimmte: das fehlen eines geeigneten Produktions- und Diskussionsraumes im Künstlerhaus Büchsenhausen, der dem genius loci erforderliche Rahmenbedingungen für kreative und kommunikative Impulse geben könnte. Joep van Lieshout, der unter dem Gemeinschaftslabel avl seit einigen Jahren an der Schnittstelle von Kunst, Design und leben produziert, erschien uns - auch auf Grund seiner unternehmerischen Vorgehensweise - als der geeignete Partner zur Realisierung des Vorhabens von büchsenhausen.labor. Geplant wurde die Einrichtung einer Umgebung, die zeitgenössischen Produktionsparadigmen (neue Medien) entsprechen und gleichzeitig die Funktion einer Schnittstelle zwischen hiesigen Künstlerinnen und Artists in Residence erfüllen sollte. Dementsprechend erfuhr der Ausstellungsraum Büchsenhausen einen kompletten Design-Relaunch. Die vier entstandenen Bereiche können jeweils als Tools für die Kernaufgaben des Environments betrachtet werden, wobei sie funktionsmäßig teilweise ineinander greifen: Produktion (video treatment, table x5), Diskussion (Lounge, table x5, Archiv), Präsentation (Ausstellungsraum / Vorführraum) und Aufenthalt (Lounge, Schlapfenkino, Küche, Personal Area). Um die Multifunktionalität gewährleisten zu können, wurde das Design auf maximale Mobilität und Flexibilität hin ausgerichtet.

Atelier van Lieshout entwickelte die einzelnen Bereiche in Workshops mit Kunststudentinnen – eine Praxis, die uns zwar als riskant erschien, jedoch dem Prinzip des Labors entsprach und daher letztlich von uns auch gebilligt wurde. Die Ergebnisse zeigen, dass sich das Risiko – wie wir meinen – gelohnt hat.

Das Projekt hatte schließlich einen nicht unerheblichen Anteil an der Entstehung von büchsenhausen.labor selbst, da die jeweiligen Entwicklungsschritte von "Video Walhalla Tirol" mit der Ausarbeitung unseres Konzepts von büchsenhausen.labor teilweise einhergingen. So betrachtet, markiert das Projekt von Atelier van Lieshout die geänderte Situation des Künstlerhauses Büchsenhausen nach innen sowie nach außen und bildet die ästhetische und operative Grundlage für künftige Projekte von büchsenhausen.labor.

Andrei Siclodi, Künstlerhaus Büchsenhausen
Februar 2003

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hp03walhalla.jpg
video treatment
video WALHALLA TIROL

WALHALLA, so heißen Fahnentragende und schlagende, oder nicht schlagende Studentenverbindungen, ... und mit diesem Wort glaubt man auch von ferne das ganze, unheimliche Hintergrundorchester eines nationalsozialistischen Pathos zu hören, das sich der altgermanischen sagen viel bediente. .. eine Irritation... als ich Joep van Lieshout fragte, wie er auf den Titel gekommen sei, schrieb er: ... etwas zwischen Himmel und Utopie, mit dem Verweis auf die germanische Mythologie und die gefährlichen Verbindungen. ...

ODIN hat seine gefallenen Krieger im Walhalla, der Ruhmeshalle versammelt, um sie ehrenvoll in ein weiter entlegenes glückliches Nirwana zu führen. (jetzt bediene ich mich - Kurt Cobain im Kopf - sehr absichtlich eines Verweises auf eine andere religiöse Ordnung) ...

Die gebaute WALHALLA, die Ruhmeshalle der deutschen, steht übrigens viel weiter westlich, hoch über der Donau bei Regensburg. nicht erbaut unter den Nazis, sondern vom Kronprinzen des architektonischen Burgen-Kitsches: Ludwig von Bayern. Er wollte 1807 ein Pantheon für berühmte deutsche (Männer, sic) errichten, und hatte, noch bevor die architektonischen Pläne für den Bau vorlagen, schon mal 50 Steinbüsten bei einem Berliner Bildhauer in Auftrag gegeben. ... derjenige, der Kronprinz Ludwig auf den Namen gebracht hatte, schrieb ihm: "möge ihr Walhalla den Geist der gewesenen auf die Emporkeimenden leiten." (Johannes von Müller)

Ich glaube aber eigentlich nicht, dass Joep van Lieshout mit diesem Motto an die Arbeit im Workshop herangegangen ist. Schließlich heißt das ganze auch VIDEO Walhalla, und liegt in TIROL. Alles ist also ganz und gar widersprüchlich, denn dahinter steht eine (künstlerische) Haltung, die Aufmerksamkeit erregt, weil sie Provokant mit Bilder und Assoziationen spielt, die eben nicht political correct sind, sondern die auch bei einem sich progressiv und liberal verstehenden Kulturumfeld für eine latente Unruhe sorgen....

... zu Joep van Lieshouts Lieblingsautoren gehört Macchiavelli, und er sieht sich selbst als Prinz, der die Aufgabe hat, seine Miliz um sich zu scharen. "we find that princes who have thought more about their pleasures than of arms have lost their state." Die Bewaffnung des ehemaligen avl Territoriums am Hafen von Rotterdam hat entsprechend für kommunale Unruhe und schlussendlich zur Räumung des Areals geführt. Vielleicht gerade wegen des Umstandes, dass hier das kriegerische und die Waffen mit den pleasures und der nicht-Vorhersagbarkeit künstlerischer Aktionen einherging....

... Kunststudierende haben in der Regel einen näheren Bezug zu ihren pleasures als zu militärischer Disziplin. .... damit komme ich zu dem versuch, das kriegerische Symbolspektrum in der Sprache mit dem zu verbinden, was hier von Künstlern für andere Künstler in Residence erdacht und umgesetzt wurde. Einige von ihnen kennen vielleicht die Wohn- und Arbeitsausstattungen in den Auslands-Ateliers des Bundes, deren Feldbetten und "Wolldecken - aus - Heeresbeständen - Ästhetik" die Künstlerinnen und Künstler in der Stipendienzeit nicht die härten des wirklichen Lebens vergessen lassen (wollen). ... hier finden wir das genaue Gegenteil: kuschlige Kissen, die man sich wie Pelze umschnallen kann, die coole Medienpräsenz wird mit dem wärmenden Kaminfeuer verknüpft, und man kann im bequemen liegen an seinem Videoschnitt arbeiten. Je härter also das wirkliche leben wird, und je mehr sich eine in der Kunst ironisierte Kriegssymbolik in ein ganz und gar reales Kriegsgeschrei verwandelt, um so behutsamer und gleichzeitig entschiedener gingen die Teilnehmer in diesem Projekt mit dem Verhältnis von Notwendigkeiten und Disziplinen einerseits - und Bedürfnissen und vergnügen andererseits um, ohne in die derzeit auch so beliebte Wellness - Seichtheit abzugleiten.

büchsenhausen.labor war ein Risiko eingegangen und hat an das produktive und siegreiche in der Allianz von kriegerisch-diszipliniertem Künstler und lazy-friedliebenden Kunststudierenden geglaubt. Wir wünschen künftigen Artists in Residence, dass sie sich in diesem Atelierraum wohlfühlen."

Andrea van der Straeten
Univ. Prof. experimentelle Gestaltung, Kunstuniversität linz
aus der Einführung zur Eröffnung von Video Walhalla Tirol (7. März 2003)

Werkstatt-Gespräch mit Atelier van Lieshout am Samstag, 08.03.2003, 11Uhr